spannenlang.

In der Kritik der Abenteuer-Ideologie meines geschätzten Lehrers Michael Nerlich lernte ich unter anderem, dass die europäische Moderne recht früh, nämlich spätestens im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung begann und dass das Mittelalter kein finsteres war.

Das lag nicht zuletzt am immer verbindlicheren Messen und Wiegen und an den fortan überall, wo Markt war, öffentlich angebrachten Längen- und Hohlmaßen. Die Normierungsbestrebungen nahmen zu, Maße wurden in Übersichten erfasst, der Skrupellosigkeit der Apotheker wurde Abhilfe geschaffen, der Handel blühte und die bürgerliche Bewusstseinsbildung nahm ihren Lauf. Zwar blieben die Händler unterwegs noch lange unversichert und auf gefährlichen Wegen dem wahren Abenteuer ausgesetzt, zu Hause aber konnten sie umso unbeschadeter messen, wiegen, ihre Erträge zählen und sich auf der sicheren Seite fühlen.

Wenigstens in ihrer Heimatstadt und was die Zählmaße angeht. Denn während ein Schock unmissverständlich und unverhandelbar 60 zählt und ein Großhundert 144, beginnt die Diskussion einschließlich heftiger Betrugsvorwürfe bis hin zu Keilereien schon, wenn sich ein Aachener und ein Augsburger über die Länge oder das Raummaß einigen sollen.

Ellenlang, fußtief, schrittweit, handbreit … Wessen Elle, wessen Fuß, wessen Hand und wessen Spann nehmen wir denn nun, um das Leinen abzumessen, die Reeperbahn zu bestücken, die Seekarte zu beziffern? Bei der Handbreit Wasser unter dem Kiel kommt es nicht so sehr drauf an, Hauptsache es ist irgendeine Handbreit, beim Zoll schon eher. Apropos Zoll, das Zollpfund ist ein höchstamtliches, nur, wo wiegt es wieviel? Und wer erhebt den Zoll? Das Maß als Maß? Wie verbindlich ist es wo? Nehmen wir die Wiesenmass auf dem Oktoberfest, sie sollte ein Kilo wiegen bzw. ein ganzer Liter sein, ach was, da schau mal hinein in deinen Masskrug!

Doch bevor die Mass überhaupt ein Liter wurde, musste so allerhand geschehen. Mindestens musste die französische Revolution die Monarchie stürzen, ehe die Nationalversammlung in Frankreich die von Gebiet zu Gebiet unterschiedlichen Maßsysteme abschaffte und das metrische System einführte. Im zersplitterten Deutschland dauerte es noch einmal fast hundert Jahre länger, naja, nicht ganz.

Erst nach 1875 konnte der Eichmeister in weiteren 16 Staaten davon ausgehen, dass das Meter der zehnmillionste Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator ist und der Liter ein Kilogramm Wasser bei 4 Gard Celsius aufwiegt. Doch der Prozess ist keineswegs abgeschlossen, noch heute sind Seekarten meter- oder fuß- und fadentief zu haben, die Meile kann weiß Gott wie weit reichen, und das Pfund in meinem Cheesecake-Rezept reicht immer noch aus, wenn ich nicht mehr genug Quark für Omas Käsekuchen habe.

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