Die Samtgemeinde.

Irrtum, in einer Samtgemeinde wird nicht zwangsläufig Samt produziert. Kann schon, muss aber nicht. Mir ist allerdings keine Samtgemeinde bekannt, in der tatsächlich Samt produziert würde. Das will aber nichts heißen, denn bis vor wenigen Wochen war mir noch nicht einmal bekannt, dass es Samtgemeinden gibt.

Hoch leben die Samtgemeinden! Und ihre Feuerwehren!

Crewtreffen 2009 Brunsbüttel

Asse, Am Dobrock, Apensen, Artland, Bardowick, Bederkesa, Bevensen, Boffzen, Bothel, Brome, Dörpen, Duingen, Elbmarsch, Elbtalaue, Emlichheim, Esens, Fintel, Flotwedel, Freren, Grasleben, Hadeln, Hage, Hagen, Hambergen, Hankensbüttel, Harsefeld, Heemsen, Heeseberg, Hemmoor, Herzlake, Hesel, Hollenstedt, Holtriem, Horneburg, Isenbüttel, Jesteburg, Jümme, Lamspringe, Land Wursten, Lathen, Lindhorst, Lüchow, Lutter am Barenberge, Meinersen, Nenndorf, Nordkehdingen, Oderwald, Ostheide, Papenteich, Polle, Rehden, Rethem, Rosche, Schladen, Schüttorf, Schwaförden, Selsingen, Sibbesse, Sickte, Sögel, Sottrum, Spelle, Steimbke, Suderburg, Tostedt, Uchte, Velpke, Werlte und Zeven im Landkreis Rotenburg an der Wümme.

All das sind Samtgemeinden, aber das sind noch lange nicht alle.

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Das Wort für heute: Treibholz

22. September 2009

Treibholz, das.

Wir hatten gerade abgelegt, ein paar Segel schon oben, beschäftigt mit All-Hands-Manövern, als der Funkverkehr eines passierenden Containerriesen mithören ließ: „Wahrschau, Treibholz backbord querab. Pass auf, dass du es nicht in die Schraube bekommst!“

Was, wir Treibholz? Unsere stolze Amphitrite? Unser Dreimaster, 44 m Länge über alles! Einst, als sie noch Rennen segelte mit ihren 1300 Quadratmetern Segelfläche, dem weit übers Heck hinausragenden Baum am Großmast, einer der elegantesten Segler der nördlichen Hemisphäre! Von Beken of Cowes fotografiert! Unsere alte Lady aus Gosport – und wir mit ihr, Treibholz?

Helle Aufregung an Bord, Empörung, bis schließlich deutlich wurde: Nein, er hatte nicht uns gemeint, der Mann in der Brückennock, es schwamm wirklich ein mittlerer Balken als Treibholz durch den Rostocker Hafen. Aufatmen. Noch einmal davongekommen.

Denn: Wann überhaupt, wenn nicht in so einem Moment, wäre der Fehdehandschuh das Mittel der Wahl gewesen?

Amphitrite: zweijährigAmphitrite 1889, zweijährig_

Amphi mit Stagsegeln
Amphitrite, weit über hundertjährig

(Fotos: in die Clipper-Fotogallery eingestellt von Günther Benth)

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Der Dingpfleger.

Dingpfleger kann man bisher ausschließlich bei meinem Lieblingsmuseum werden. Es ist gewissermaßen ein Heim für Dinge, das allerdings auf Zwangseinweisung beruht. Welches Ding würde sich schon freiwillig seines Funktionszusammenhangs begeben, um seinen Lebensabend untätig und von allen Seiten begafft im Museum zu verbringen?

Am liebsten würde ich eine Pflegschaft für eine der beiden Zigarettendosen übernehmen: „Manoli privat“ oder das „Problem National“. Die eine ist aber schon vergeben, die andere reserviert, sehr wahrscheinlich von Exrauchern wie mir, schließlich bedarf die Verarbeitung bestimmter Verluste eines ausgeprägten sentimenalen Engagements. Auch der Bakelit-Schalter hat seinen Dingpfleger bereits gefunden und der oft gehandhabte Berliner Steckschlüssel. Meine erste Schreibmaschine, die rote Valentine von Olivetti, ist ebenfalls in guten Händen – nicht meine Valentine, die ruht seit Jahrzehnten auf dem Hängeboden, aber die aus dem Museum der Dinge.

Manche Dingpfleger beneide ich nicht um ihre Schützlinge, wer möchte schon die Verantwortung für einen Nachttopf übernehmen, der einmal ein Stahlhelm war. Wer weiß, wozu der fähig ist, wenn er sich eines Tages auf seine Wurzeln besinnt. Dann schon lieber das Mitropakännchen aus den Transitzügen meiner Fahrten zwischen der selbständigen politischen Einheit Westberlin und dem Freistaat Bayern.

Oder der Handschuhbügel. Nein, nicht der Handschuhbügel, den finde ich nur skurril, und das scheint mir eine schlechte Voraussetzung für ein gutes Verhältnis zwischen Pfleger und Ding. Die Illy-Kaffeedose wird es wohl auch nicht werden, so eine nehme ich täglich in die Hand, das ist Pflegschaft genug. Natürlich ist schon lange kein Illy-Kaffee mehr drin, der ist viel zu teuer, sondern Mocambo mit c in der Goldaufmachung, wenigstens zur Zeit, mal sehen, was noch so alles hineinkommt im Laufe ihres aktiven Lebens.

Vielleicht sollte ich mich für die Kugelwaschmaschine entscheiden. Ich dürfte sie zwar nicht zu ihrer ureigensten Bestimmung reanimieren, sie könnte aber sicher sein, dass ich sie wie kaum jemand zu schätzen weiß. Mit Waschmaschinenabenteuern bzw. dem Wunsch nach einer eigenen Waschmaschine schlägt mich ein fast lebenslanges wechselvolles Schicksal. Ihr Abgeschnittensein von aller Möglichkeit des Waschens hält sich mit meiner Sehnsucht nach einer eigenen, stets zum Waschen bereiten Maschine (ach was, Maschine, Freundin!, Alltagsfreundin!, aber doch auch Maschine, da hilft nichts, da hilft gar nichts) perfekt die Waage. Wenn ich nun aber andererseits bedenke, dass mich diese Pflegschaft ebensoviel kosten würde wie eine täglich, auch sonntags, handfest zu benutzende aus der Weißwarenabteilung eines Second-Hand-Shops, werde ich schon wieder zögerlich.

Ich werde wohl doch noch eine Weile warten, bis das richtige Ding auf dem Pflegschaftsmarkt auftaucht, das einzige, das wahre, das für mich und nur für mich da ist, das auf mich gewartet hat und ich auf es. Ich weiß, es ist irgendwo. Wir müssen uns nur begegnen.

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spannenlang.

In der Kritik der Abenteuer-Ideologie meines geschätzten Lehrers Michael Nerlich lernte ich unter anderem, dass die europäische Moderne recht früh, nämlich spätestens im 12. Jahrhundert unserer Zeitrechnung begann und dass das Mittelalter kein finsteres war.

Das lag nicht zuletzt am immer verbindlicheren Messen und Wiegen und an den fortan überall, wo Markt war, öffentlich angebrachten Längen- und Hohlmaßen. Die Normierungsbestrebungen nahmen zu, Maße wurden in Übersichten erfasst, der Skrupellosigkeit der Apotheker wurde Abhilfe geschaffen, der Handel blühte und die bürgerliche Bewusstseinsbildung nahm ihren Lauf. Zwar blieben die Händler unterwegs noch lange unversichert und auf gefährlichen Wegen dem wahren Abenteuer ausgesetzt, zu Hause aber konnten sie umso unbeschadeter messen, wiegen, ihre Erträge zählen und sich auf der sicheren Seite fühlen.

Wenigstens in ihrer Heimatstadt und was die Zählmaße angeht. Denn während ein Schock unmissverständlich und unverhandelbar 60 zählt und ein Großhundert 144, beginnt die Diskussion einschließlich heftiger Betrugsvorwürfe bis hin zu Keilereien schon, wenn sich ein Aachener und ein Augsburger über die Länge oder das Raummaß einigen sollen.

Ellenlang, fußtief, schrittweit, handbreit … Wessen Elle, wessen Fuß, wessen Hand und wessen Spann nehmen wir denn nun, um das Leinen abzumessen, die Reeperbahn zu bestücken, die Seekarte zu beziffern? Bei der Handbreit Wasser unter dem Kiel kommt es nicht so sehr drauf an, Hauptsache es ist irgendeine Handbreit, beim Zoll schon eher. Apropos Zoll, das Zollpfund ist ein höchstamtliches, nur, wo wiegt es wieviel? Und wer erhebt den Zoll? Das Maß als Maß? Wie verbindlich ist es wo? Nehmen wir die Wiesenmass auf dem Oktoberfest, sie sollte ein Kilo wiegen bzw. ein ganzer Liter sein, ach was, da schau mal hinein in deinen Masskrug!

Doch bevor die Mass überhaupt ein Liter wurde, musste so allerhand geschehen. Mindestens musste die französische Revolution die Monarchie stürzen, ehe die Nationalversammlung in Frankreich die von Gebiet zu Gebiet unterschiedlichen Maßsysteme abschaffte und das metrische System einführte. Im zersplitterten Deutschland dauerte es noch einmal fast hundert Jahre länger, naja, nicht ganz.

Erst nach 1875 konnte der Eichmeister in weiteren 16 Staaten davon ausgehen, dass das Meter der zehnmillionste Teil der Entfernung vom Pol zum Äquator ist und der Liter ein Kilogramm Wasser bei 4 Gard Celsius aufwiegt. Doch der Prozess ist keineswegs abgeschlossen, noch heute sind Seekarten meter- oder fuß- und fadentief zu haben, die Meile kann weiß Gott wie weit reichen, und das Pfund in meinem Cheesecake-Rezept reicht immer noch aus, wenn ich nicht mehr genug Quark für Omas Käsekuchen habe.

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Das Wiesencurriculum.

Im Wiesencurriculum laufen die größeren Kinder der Wiesengrasmücke auf lichtgelben Füßen mit einer Laufweite von zwölf Punkt auf und nieder, immer wieder, ohne Einzug immer wieder, bis ihre Laufbewegung in eine Kreisbahn mündet.

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Der Oberkrämer.

Nicht unbedingt den Oberkrämer beleidigende Beleidigung: Du Oberkrämer!

Der Oberkrämer, OHV, zeigt sich mit Laubbaum, Nadelbaum und zwei übereinander fliegenden natürlichen Störchen.

140px-Wappen_Oberkraemer

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Die Feuerwehr.

Meine liebste ist die freiwillige aus Husum. Denn erstens liegt Husum am Meer und zweitens können die Jungs und Mädels nicht nur löschen (u.a. Schiffsbrände), retten (auch Katzen), hoch hinaus (z.B. auf Windmühlen), tanzen (zwangsläufig bei ihrem Stiftungsfest), Reden halten (zwangsläufig ebenda) und Krabben pulen, sondern zu allem Überfluss auch noch segeln und befreundete südlichere Feuerwehren zum Königsjodler-Jodeln anstiften.

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