Le lapin de métro

19. Januar 2011

Besser nicht zum Vorbild nehmen, das Häschen aus dem Pariser Untergrund.
Mehr dazu bei vilmoskörte.

Es geht auch ohne Métro.

Le lapin du Virchow.

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Und noch ein für Qype geschriebener Beitrag, diesmal aus dem März 2010:

Es ist ein paar Jahre her, dass ich hier zu Gast war, und vieles habe ich vergessen, das meiste vielleicht, außer dass wir in einer kaminbeheizten Stube saßen, in Sessel und Sofa, die den Tisch über sich hinauswachsen ließen, dafür warm und geborgen nach einem stürmischen Tag mit Regen und Wind im Gesicht. Die Kaffeezeit war längst vorüber, trotzdem, da das Restaurant nebenan ausgebucht war, wurden wir in dieser engen, muckeligen Kaffeestube bedient. Das Feuer wurde am Brennen gehalten, immer mal wieder ein Holzscheit nachgelegt, und man klärte uns nach bestem Vermögen über die Speisekarte auf. Ich habe keine Erinnerung daran, was alles auf den Tisch kam, wie lang wir da saßen und wann es überhaupt war. Nur, dass es das beste Essen in ganz Polen war, das ich je bekam, das weiß ich noch.

Und warum genau es so ein herausragendes kulinarisches Erlebnis war, das weiß ich auch noch – und werde es nie vergessen: Es gab Dorschzungen. Kleine Häppchen in würziger Panade. Ei war zu schmecken drumherum, Brösel, vermutlich spielte gemahlener Kümmel mit. Und damit war einer meiner kulinarischen Träume geboren. So sehr Traum, dass, wann immer ich von diesen überwältigenden Dorschzungen im Maszoperia in Hel auf der Halbinsel Hel erzählte, man mich erst fassungslos anstarrte und dann die Augen senkte, als wolle man den Zweifeln an meinem Verstand nicht allzu deutlich Ausdruck verleihen.

Bis ich irgendwann selbst daran zu zweifeln begann. Ob ich auch alles richtig verstanden hatte, was mir da wohl wirklich vorgesetzt worden war, ob man Dorschzungen überhaupt essen könne, und schließlich, ob ein Dorsch überhaupt eine Zunge hat.

Die Befreiung kam vor ein paar Wochen, arte sei Dank, oder war es mare TV? Da wurde vom äußersten Norwegen berichtet, von Gegenden, knapp nicht aus der Zeit gefallen, einsam, fern, sehr fern, ganz weit oben. Und plötzlich fiel das Wort Dorschzunge – ich war wie elektrisiert. Ja, es gibt sie, ja, auch die Norweger essen sie. (Sie dem Kabeljau aus dem Maul zu schneiden, erfordert zwei Handgriffe und ist erklärte Kinderarbeit.)

Meine kaschubische Erinnerung war gerettet, ich beschloss wieder anzufangen, darüber zu sprechen, über mein kulinarisches Abenteuer am östlichsten Zipfel dieses Sandstreifens Hel, der selber schon so faszinierend wie unglaubwürdig ist.

Reisende, geht ins Maszoperia und fragt nach Dorschzungen! Ich hoffe, es gibt sie noch.

Maszoperia
ul. Wiejska 110
84-150 Hel
+48 58 6750297

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Auch der Beitrag zur Fischerpinte am Plötzensee ist aus 2007. Bei Qype firmiert das Lokal noch heute unter der Kategorie „Fisch-Restaurants“. Noch besser: Es gab eine Zeit, da nahm es im Qype-Ranking Platz zwei unter den Berliner Fischrestaurants ein – welch diebische Freude!

Warum ich sie heute hierherhole, meine (Verzeihung, etwas spröde) Liebeserklärung an die Fischerpinte? Weil uns in einer heiteren Geburtstagsrunde Dinge wie Mampes gute Stube ins Gespräch rutschten. Und meine letzte Begegnung mit einer Reminiszenz an Mampe halb und halb fand in ebendieser Fischerpinte mit Bootshaus am Plötzensee statt: in Form des rar gewordenen Aschenbechers mit dem roten Elefanten.

Nur die Harten komm inn Garten … Im Winter ist der Garten dann doch zu kalt, Tretboote aufgebockt, Ruderboote angebunden, Stühle und Bänke von Blumentöpfen und Balkonkästen besetzt. Die Gaststube allerdings ist geöffnet, ganzjährig.

Tür auf, nur die ganz Harten … Rechter Hand der Tresen, bestückt wie ein polnischer Kiosk, Sicherungentableau dazwischenmontiert, obenauf thront ein kleiner dunkelbrauner Kranzkuchen. Also linksrum.

„Trinkfest und arbeitsscheu, aber unserer Hertha treu“ verlautbart der blauweiße Fan-Schal an der Wand gegenüber der Fensterfront. Der Seeblick bietet Blesshühner und Taubenhaucher gerahmt von Fenstergittern, am anderen Ende des Sees trafen sich eben noch rechts die Mandarinenten, links die Fischreiher. Hier drinnen sind Fische in ein Aquarium gesperrt bzw. lederhäutig als Hechtköpfe an die Wand gepinnt. Direkt daneben die Profiangel, beachtliche Länge, auch die hat hier ihr Winterquartier gefunden. Immerhin befinden wir uns in einer Fischerpinte.

Eigentlich ist es ein Wohnzimmer, acht bis zwölf Gäste finden Platz neben Hundebett und Katzenthron. Oskar Hund, schwarzgelockt mit Knopfaugen, riecht ein bisschen, Lissy Katze hat sich schon geputzt, will abwechselnd raus und rein. Darf sie auch. Wir nehmen was mit Alkohol, geht irgendwie nicht anders, Schokolade mit Rum und Glühwein. Das befördert die Gemütlichkeit, hilft aber insgesamt nicht wirklich.

Bedient wurden wir zuvorkommendst, inklusive Schwätzchen über Hund und Katz, woher, wohin und allerhand. Ich liebe solche Orte. Zum Weinen schön!

Draußen zupfen die Nebelkrähen Plastiktüten und Pausenbrote aus den Abfallkörben.

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Fornello pronto

8. Januar 2011

Ein Beitrag zum Fornello Da Zio Pietro in Cisternino, einer der weißen Städte im Valle d’Itria, geschrieben schon im Februar 2007 für das Bewertungsportal Qype, soll nun auch hier seinen Patz finden. So geht er:

In Cisternino geht man zum Schlachter essen. Abends zumindest. Und nur, wenn Fornello Pronto draufsteht auf der Macelleria. Und das geht so: Man tritt an den Verkaufstresen der Fleischerei und wählt aus – aus großen und kleinen Stücken rohen Fleischs, aus Gehacktem und Gewickeltem. Die Ausbeute kommt auf die Waage und wenn sie weniger als ein Kilo ausmacht für zwei Personen, schaut der Fleischer erst irritiert fragend – das soll reichen? – dann nur noch bedauernd.

Im allgemeinen wird man nun ein paar Häuser weiter geschickt, in der Fleischerei selber gibt es meist nur ein oder zwei Tischchen, und landet in einem schmucklosen Kellerraum oder einer Art Garage. Der Kellner stellt Brot und schwarze Oliven auf den Holztisch – oder war es Resopal? – und fragt, ob man Salat will. Ja, sollte man dann sagen, denn der grüne, mit Zitrone und Öl angemachte Lattich ist absolut notwendig als Gegengewicht zu so viel totem Tier.

Das Grillgut kommt auf großen Platten und ist unglaublich gut: zarteste Leberchen, ungewöhnlich gewürzte Minirouladen namens Bombette, paniert oder nicht, von einer ganz unerwarteten Leichtigkeit, Lamminnereien in Netz und Därme gewickelt, Salsiccia fein durchgedreht oder grob gehackt a punta di coltello, ein Lammkotelettchen, ein Kalbsschnitzelchen … gut, dass noch Salat da ist!

Zio Pietro ist nur ein Beispiel für diese ganz spezielle lokale Tradition. Tagsüber Fleischerei, abends wird der Holzkohlengrill angeheizt. Es gibt unzählige solcher Fornelli in Cisternino und Umgebung. Sie scheinen alle gut zu sein. Zumindest waren es die, in denen wir der Fleischlust huldigten. Heimlich übrigens, denn unsere Freunde sind fast ausnahmslos Vegetarier.

Irgendwie kam es dann doch raus. Vermutlich, weil einer von uns beiden den Mund nicht halten konnte vor lauter Begeisterung. Die Blicke, mit denen wir bedacht wurden? Erst irritiert fragend, dann empört, dann nur noch bedauernd.

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Bürgerablage, die

Da dacht ich mir, schreib ich mal einen ganz kurzen Artikel, einen in einem einzigen Satz: Die Bürgerablage ist eine Badestelle an der Oberhavel.

Mehr braucht’s eigentlich nicht, dachte ich. Denn, wie schön der Name ist, kann jeder selber lesen; dass die Wasserqualität im letzten Jahr gut war, interessiert heuer vermutlich eh keinen mehr, Anfang Februar schon gar nicht; und wie man hinkommt, sieht man auf der Website der DLRG. Und da sieht man dann auch gleich, dass es eine Wasserrettung gibt an der Bürgerablage.

Jetzt hab ich aber dummerweise zu lesen angefangen bei der DLRG, und gleich auch noch beim Wasserrettungsdienst des Arbeitersamariterbundes. Die sind nämlich beide für die Bürgerablage zuständig und mussten sich seit 1956 eine Bretterbude teilen, mit einer Querwand in der Mitte. Hälftige Teilung.

Die Grenze war übrigens auch gleich daneben, nur ein paar Schritte nach Norden. Die Grenze zum Osten mein ich. Jetzt ist es ja nur noch die zu Brandenburg.

Ich bin mir jetzt wirklich nicht sicher, ob sie sich vertragen haben, die von der DLRG und die vom ASB. Auf jeden Fall haben sie dieselbe Telefonnummer: 335 44 88. Aber auf den Fotos von den einen sind die anderen nicht mit drauf. Und wie das heute ist, weiß ich auch nicht genau. Ob die einen zum Beispiel den 16 Fuß-Crestliner mit dem 135 PS-Inborder von den anderen fahren dürfen? Im Notfall? Wenn ein Schwimmer angerufen hat! Oder ein havariertes Segelboot (Rufzeichen: Pelikan 36, nicht mehr wie früher Adler 36)!

Aber die einen untereinander haben sich wohl schon vertragen, wenn man dem Chronisten glauben darf: „… als Heiratsschmiede hat sich die WRS Bürgerablage von jeher bewährt. Ende der 50er Jahre waren die Kameraden Horst Baum und Inge Fels die Ersten, die sich auf der Station kennenlernten und heirateten. Seitdem haben sie eine ganze Anzahl von Nachfolgern gefunden.“ Herzlichen Glückwunsch!

Unbedingt empfohlen die Website!

Was mich mal wieder besonders reizt an diesem Ort (das kann ich ja jetzt auch noch hinzuschreiben, wo es schon nicht bei dem einen Satz geblieben ist): In unmittelbarer Nähe rumpeln die Förderbänder und schütten Kohle ins Kraftwerk Oberhavel.

PS: Tja, ich war ne Weile nicht in der Stadt: Jetzt rumpeln da nur noch die Abrissbirnen.

PPS: First there is a mountain, then there is no mountain, then there is … a Caterpillar … Alles weg, kein Kraftwerk mehr.

PPPS: Dieser Text ist ursprünglich für Qype geschrieben und dort seit dem 7. Februar 2007 zu lesen.

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Soli Deo Gloria

17. August 2009

Erstes RIAS Kammerchor Forum-Konzert am 18. Oktober 2008 in der Dorfkirche Alt-Reinickendorf

Schon der Ort ist ein Juwel: die mittelalterliche Dorfkirche Alt-Reinickendorf gehört zu den ältesten Gebäuden der Stadt und ist bezaubernd, auch nach diversen Änderungen und Restaurierungen bis ins letzte Jahrhundert. Das aber, womit das erste Forumkonzert der Freunde des RIAS-Kammerchors diesen intimen Raum füllt, kann den geneigten Hörer nur glücklich machen. Genial zusammengestellt und unvergleichlich wunderbar dargeboten von einer Altistin, einem Vokalquartett aus SängerInnen des RIAS Kammerchors und den jungen Frauen des Caspadé-Streichquartetts.

Von zwei Bachchorälen gerahmt, lässt Hildegard Wiedemann Kagels “Rezitativarie für singende Cembalistin” erstrahlen. “Hast du Gott. So hat’s nicht Noth”, bemüht sie sich dem Auditorium zu versichern. Ob wir ihr das jedoch glauben wollen? Herrjeh, Mauricio Kagel hilft nicht wirklich dabei. Seinem Andenken – vor zwei Monaten ist er gestorben – haben die Künstler das Konzert gewidmet. Sie berufen sich auf ihn. “Wer jahrzehntelang tagein, tagaus religiöse Musik in zahlreichen Konzerten zelebriert, wenn auch häufiger in Konzertsälen als in Kirchen, kann zu einer Einstellung gelangen, die Mauricio Kagel im Motto zu seiner “St. Bach Passion” so bezeichnet: ‚An Gott verzweifeln, an Bach glauben.’”

Auch der zweite, größere, Komplex ist verschnitten. Im Zentrum steht Werner Egks “La tentation de Saint Antoine d’après des airs et des vers du 18ième siècle”, selbst schon doppelt in seinem Bezug auf das 18. Jahrhundert. Dazwischengesetzt die hochkomplexe Polyphonie der “Missa Ave Regina Coelorum” von Guillaume Dufay aus dem 15. Jahrhundert. Als Unterstützung gewissermaßen für den in seinem Bett von tausend Teufeln heimgesuchten heiligen Antonius.

“Sur un sopha
Une diablesse en falbala,
Aux regards fripons
Découvroit deux jolis monts
Ronds.”

Was tun, um solchen Versuchungen zu widerstehen, wenn nicht Sanctus und Hosianna singen?

Hildegard Wiedemann, verschwörerisch-verführerisch, hat die Abwege und Kämpfe des Heiligen Antonius uneingeschränkt glaubhaft gemacht. Die Klänge der Streicher waren irisierend, beunruhigend und gingen unter die Haut. Das Gute hat mindestens vierstimmig gesiegt.

Und alles zusammen war ein Höchstgenuss.

Soli Deo Gloria! Vokalmusik im Spannungsfeld von Routine, Glaubensruhe und Ekstase. Ein Konzert des RIAS Kammerchor Forums e.V., Mauricio Kagel gewidmet.

Mit Hildegard Wiedemann (Alt), dem Caspadé-Streichquartett und dem Vokalquartett: Stephanie Petitlaurent (Sopran), Susanne Langner (Alt), Christian Mücke (Tenor) und Johannes Schendel (Bass).

Die Konzertreihe wurde veranstaltet vom RIAS Kammerchor Forum e.V., das, mit René Jacobs als Ehrenvorsitzendem, im Jahr 2001 zur Unterstützung des RIAS Kammerchors gegründet wurde. Unter dem Motto “Einklang und Widerhall” sollten die vier Forumskonzerte in Berliner Dorfkirchen Architektur und Musik in Dialog bringen, um das 60-jährige Bestehen des RIAS Kammerchors zu feiern, und es ist ihnen perfekt gelungen.

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