Bäckerlyrik, die

vorgeblicher Fachbegriff, tatsächlich despektierliche, im Geheimen auch schon mal liebevoll gemeinte Bezeichnung für ein Phänomen, das den zweifelhaften Ruf der BVG-Werbedichtung à la „Wurst und Senf in Bahn und Bus bringen oftmals viel Verdruss“, die spätestens in den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts in voller Blüte stand, wenn nicht begründete, so doch entscheidend mitprägte.

Nachdem sie in Form von Paechbrotsprüchen in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Selbständigen politischen Einheit Westberlin einen rasanten Aufschwung erlebt hatte, omnipräsent, belächelt, verachtet, indes beim besten Willen nicht zu ignorieren, stattdessen den damaligen Bewohnern und Besuchern der Stadt unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt, wurde es in den 90er Jahren still um die Bäckerlyrik. Zusammen mit dem Untergang des Moabiter Paech-Brotimperiums ging sie den Weg alles Irdischen, und die Welt musste fortan auf Juwelen wie „Kuno sprach zu Kunigunde: Paechbrot ist in aller Munde“ verzichten.

Doch nun, Hurra, neues Jahrhundert, neues Glück. Es gibt sie wieder, die Bäckerlyrik. Wieder in Berlin, der inzwischen nicht mehr doppelten, sondern ganzen Stadt, wieder bei der BVG, sprich den Berliner Verkehrsbetrieben, diesmal statt in den seltener gewordenen Doppeldeckerbussen in der U-Bahn, wieder einem Brot gewidmet, einem aus dem Speckgürtel.

Falkenfenster Parkbank2

Die neue Bäckerlyrik besingt das Falkenbrot, Flaggschiff des ursprünglich Westberliner, dann, nachwendig, in der Falkenseer Produktionsstätte eines ehemaligen Backkombinats heimisch gewordenen BioBackHauses Leib. Nein, nicht Laib, Leib.

Die mal mehr, mal weniger überzeugenden Elaborate der neuen Berliner Bäckerlyrik – wer Bäckerlyrik liebt, wird sie wohl alle lieben – fahren also seit knapp zwei Jahren U-Bahn und verkünden Dinge wie in etwa:

Ein Mann zur Liebsten sagte: Bleib!
Ich habe einen Falkenlaib.

Enthusiasten lassen sich zu Begeisterungsstürmen über das Wiederaufleben der Brotdichtung hinreißen, Skeptiker analysieren mit spitzer Feder und weisen auf unzählige grammatikalische und stilistische Mängel hin, viele schütteln einfach den Kopf.

SONY DSC

Es wird Ihnen, liebe Leser, trotz aller Bemühungen um Objektivität nicht verborgen geblieben sein, die Autorin gehört entschieden zu den Liebhabern und kann nicht umhin zu wiederholen: Ein Hoch auf die neue Berliner Bäckerlyrik! Möge ihr ein langes und fruchtbares Leben beschieden sein.

Noch eine kleine Anmerkung in eigener Sache sei gestattet: Natürlich weiß ich, Flaggschiffe entstammen Werften, und eine Werft bringt kein Brot hervor. Nur, wie sonst es nennen, das Flaggschiff eines Backwarenuniversums?

%d Bloggern gefällt das: