Das Wort für heute: Gradierwerk

1. Juni 2013

Gradierwerk, das

auch Leckwerk. Nicht zu verwechseln mit Radierwerk oder Granulierwerk.

Vernebelt Salzwasser. Ersetzt den Atemwegen das Meer. Beliefert die Pfannensiederei mit versiedwürdiger Sole. Der profunde Salinist Prof. Dr. Herrmann Wirth von der Bauhaus-Universität Weimar bezeichnet Gradierwerke als Kathedralen des Salinenwesens.

In Deutschland und Polen, überhaupt in den nördlicheren Breiten, vervollkommnen sie üblicherweise ein Salzwerk. Andernorts kennt man keine Gradierwerke und verlässt sich stattdessen auf die Sonnengradierung, bei der Sonne und Wind das Salz der in flachen Bassins exponierten Sole einfach ablecken, bis es weiß und kristallin zutageliegt.

Im Gradierwerk wird gradiert, besser, aufgradiert: von den zum Beispiel fünf oder sechs oder zehn Prozent Salzgehalt der aus der Tiefe geförderten Rohsole auf die sogenannte Gutsole mit einer Salzkonzentration von 22 Grad (bzw. Prozent), ab der sich das Salzsieden erst lohnt.

Ein Bohrturm, so er sich über einem Salzschacht erhebt, könnte ein Gradierwerk anzeigen. Denn es bedient sich aus dem Salzbrunnen. Mithilfe einer Kunst wird das salzige Brunnenwasser gehoben. Ross-, Wind- oder Wasserkünste, Pumpen und Feldgestänge arbeiten zusammen, um die Sole über Tröpfelrinnen auf das eigentliche Gradierwerk zu leiten. Das besteht aus luftigen, mit Schlehenreisig verfachten Holzkonstruktionen, die durchaus 20 Meter hoch und mehrere hundert Meter lang sein können und sich mit einem salzhaltigen Schleier umgeben.

Während die Sole von Ast zu Zweiglein tropft, dabei in immer kleinere Tröpfchen zerspringt und ihre festen Bestandteile und Verunreinigungen an die Dornen abgibt, füttert sie Wind und Sonne mit verdunstendem Wasser und konzentriert sich dabei. So oft wird die Sole verrieselt, bis sie auf ein Siedloth von 22 Grad kommt oder auch etwas mehr; nie aber soll die Konzentration höher als 25 Grad sein, denn ab 26 Grad ist das Wasser gesättigt. Das kostbare Salz würde auszukristallisieren beginnen und sich an die kleinteilige Architektur der Schwarzdornbündel anlagern, wo doch nur Kalk und Gips und die übrige Mineraliengesellschaft ihren Platz finden sollen.

All diese Teilchen, mit denen das Salz ein symbiotisches Verhältnis pflegt, begleitet von Sulfaten, Bromiden, Karbonaten, verbinden sich als kristalline Niederschläge zum Dorn- oder Leckstein, der das feine Geäst in immer dickeren Schichten umschließt, bis, bei relativ reiner Sole vielleicht erst nach 30 Jahren, die Rieselwände mit neuem Reisig bestückt werden müssen.

Heute geht man nicht mehr wie vor zweihundert oder dreihundert Jahren mit der Schaufel ins Gradierwerk, um Sole an die Wand zu werfen. Heute geht man ins Gradierwerk, um, meist gegen Gebühr, tief durchzuatmen. Bad Dürrenberg zum Beispiel lädt kostenlos in den Kurpark ein, um am Gradierwerk entlangzuwandeln. Ein bisschen Ertrag kommt hier auf andere Weise zustande: Es wird dringend empfohlen, die Kleidung gegen den Solenebel zu schützen und sich zu diesem Behufe einen Solemantel umzulegen, den es im Palmen- und Vogelhaus auszuleihen gilt.

Die therapeutische Nebennutzung ist gut hundert Jahre alt. Schon früh im 19. Jahrhundert wurden in den Gradierwerken Badestuben, zunächst nur für die Beschäftigten, eingerichtet. Man hatte die heilende Wirkung der Sole erkannt und irgendwann auch die Nordseeatmosphäre schätzen gelernt, die das bei der Verrieselung entstehende Aerosol mit seinen fliegenden Teilchen schafft. Neben den anderen Aerosolpartikeln schwingen sich während des Verdunstungsprozesses auch Salzteilchen in die Luft, ehe sie sich, ausgefällt, zum Dornstein vereinigen. Der Gradierverlust durch die entschwindenden Salzpartikel führte schließlich zur Nachnutzung der Gradierwerke als Freiluftinhalatorien.

Salzsüchtige, die zum Beispiel gerne wüssten, durch welche Zeichen sich eine Salzquelle verrät oder was eine Salzmutter ist, lesen bitte unbedingt weiter im geliebten Pierer (von 1857) bei Zeno. Dort ist auch zu erfahren, dass, obwohl die Sole beim Gradieren schon eine erste Läuterung erfährt, eine weitere Reinigungsphase in der Gradierpfanne stattfindet, wozu Ochsenblut in die siedende Sole gegossen wird, das die Verunreinigungen bindet, als Schaum mit sich an die Oberfläche trägt und leicht abgeschöpft werden kann.

n.b. Thüringische Gradierwerke fallen erstaunlich oft Wirbelstürmen bzw. Windhosen zum Opfer.

13 Responses to “Das Wort für heute: Gradierwerk”

  1. vilmoskörte Says:

    Schöner Artikel, jetzt weiß ich endlich, was ein Gradierwerk ist und möchte sogleich eines besuchen, am besten ein solches, auf dem auch die Windkunst erhalten ist. Also schnell nach Thüringen, bevor der nächste Sturm sie wegbläst?

  2. kormoranflug Says:

    Das nenne ich mal ein ordentliches Wortwerk aufgradiert.

  3. richensa Says:

    Afra, oder auf nach Lüneburg oder Bad Salzufflen, da stört keine thüringische Windhose beim Aufgradieren und Lustwandeln…

  4. Afra Evenaar Says:

    Da dafür san d‘ Oachkatzln zuständig. Sag Ochkatz, wie schaut’s aus?

    • oachkatz Says:

      Ich seh hier noch kein Wasser weit und breit, außer ich mache den Hahn auf. Im Moment regnet es ja nicht einmal…also packt keine Badehose ein und kommt, so lange es noch trockenen Fußes möglich ist …

  5. Lakritze Says:

    Oh, was für ein schöner Text!
    An Gradierwerke habe ich ja sonst eher mittelprächtige Erinnerungen. Mein Schulsportplatz lag zwischen Salinen (bei uns: mit Weißdorn bestückt); damit waren die Leibesübungen nicht nur lästig, sondern auch auf verschiedene Weise der Gesundheit zuträglich.

    • Afra Evenaar Says:

      Danke. Das Gradierwerk umgibt sich aber auch mit so vielen schönen Wörtern.

      Ich beneide Dich natürlich um die Lage Deines Sportplatzes.


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