Das Wort für heute: Taumel-Lolch

1. August 2010

Taumel-Lolch, der.

Der äußerst seltene, der Anemophilie bis hin zur Anemogamie zu zeihende Windblüter (nicht zu verwechseln mit dem Kalt- noch mit dem Warmblüter) ist verwandt mit den Schwingeln, allen voran den Wiesen-Schwingeln, mit denen er bei erfolgreicher Begattung den Deutschen Bastard-Schwingel (Festulolium braunii) zeugen kann, und nennt sich mit Vorliebe Lolium. Wir sprechen hier und noch immer vom Weidelgras, das neben einjährigen auch ausdauernde (ausdauernd taumelnde?) Gräser hervorzubringen in der Lage ist wie beispielsweise das Deutsche Weidelgras, ein Horste bildendes und, ja richtig, der Beweidung dienendes Süßgras. (Warum es der Beweidung dient? Weil es Beweidung verträgt, trittresistent, das es ist.)

Öhrchen, Embryo, Nabel und häutiger Saum gehören zum Arsenal der Wörter, die den Taumel-Lolch zu beschreiben geeignet sind, ebenso Knoten, Scheiden, Spreiten, Spelzen, Grannen, Narben und Griffel. Richtig. Es handelt sich um eine ährentragende Lebensform – die sich unter Vernachlässigung der unterschiedlichen Nationalitäten, die anzunehmen sie genötigt war, in allen Facetten von Grün gefällt.

Das Welsche Weidelgras, und vorrangig jenes interessiert mich, weil es zusammen mit anderen (Un-)Kräutern bei der Herstellung der Ricotta Marzotica eine Rolle spielt, besiedelt frische, oft nährstoffreiche Ruderalstellen wie Wegränder und Schuttplätze in aufrechten Horsten und gehört andererseits neben der Zottelwicke und dem Inkarnatklee zum Landsberger Gemenge, innerhalb dessen es nicht nur Böden (im Rahmen der Feldgraswirtschaft) und Huftiere (in entwickelter Grünfutterkultur) ernährt, sondern ob seiner exakt zu bestimmenden Konkurrenzfähigkeit nicht selten zu pflanzensoziologischen Forschungen missbraucht wird.

Es verwundert nicht gänzlich, dass zu den entfernteren Verwandten im großen Haus der Commeliniden (als exotische Schwester im Orden der Poales) auch die Flagellaria gehört. Details, außer dem, dass alle Pflanzenteile unbehaart sind, und ihrer Chromosomenzahl (2n = 21) möchte ich dem geneigten Leser ersparen und stattdessen gnädig den Mantel des Schweigens über ihren Lebenswandel und ihre körperlichen Eigenheiten breiten. Was interessieren uns schon basifixe, tetrasporangiate Staubbeutel, sympodiale, harte Stängel oder das stärkereiche Endosperm?

Mehr Aufklärung in allen genannten Fällen bietet Wikipedia, beginnend hier, und hier noch lange nicht endend.

Btw: Finde den Fehler!

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13 Responses to “Das Wort für heute: Taumel-Lolch”

  1. philipp1112 Says:

    Da bin ich, wenn ich so am Ackergraben langgehe mit den Lolchen quasi auf Du und Du – und wußte nicht, wie sie heißen. Ich dachte immer, die heißen Gras. Ab heute sehe ich die Welt mit anderen Augen!

  2. karu02 Says:

    Chromosomenzahl: (2n=38)
    Ich staune, wovon ich, bisher unwissend, umgeben war.

  3. Lakritze Says:

    Frau Evenaar enzyklopädisch — das ist wunderschön.

    Ich kannte den Taumellolch aus dem bebilderten Buch »Die Giftpflanzen unserer Heimat« (und hatte ihn folglich von meinem Speiseplan für experimentierfreudige Sommernachmittage gestrichen). Gut, daß die Wikipedia ihn nicht als unbedenklich meldet.

    Vor lauter Zottelwicke, Inkarnatsklee (oh!) und Schwingel habe ich leider den Fehler nicht finden können.

  4. Afra Evenaar Says:

    Danke. Das Enzyklopädische wird mir zunehmend zur zweiten Natur, vor allem, wenn es um Pflanzen, fliegende Tiere und Hebezeuge geht.

    Giftpflanze? Giftig? Im Ernst? Da sind weitere Recherchen nötig.

  5. walterlenz Says:

    Lodiculae, ahh! Was so ein Artikel nicht alles an Neugierde provoziert. Noch ist der Tag nicht verloren.

  6. azestoru Says:

    Das doppelte Lolchchen.

  7. Afra Evenaar Says:

    Der Taumellolch ist tatsächlich giftig, nicht aber die anderen Lolche bzw. Weidelgräser. Ein bisschen blöd nur, dass man den Taumellolch mit der Quecke verwechseln kann, die ebenfalls zum Käsewürzen herhalten muss. Interessant auch die Namen der Inhaltsstoffe des aufrechten Taumellolchs: Lolin, Lolinin, Perlolin, Perlolidin …

    Klinische Symptome einer Taumellolchvergiftung sind: wie zu erwarten Taumeln, Somnolenz, Paralyse, Krämpfe, Tobsuchtsanfälle, Mydriasis, Hypothermie, Dyspnoe. Laut derselben Quelle findet in der Regel eine Erholung statt und selten Tod durch Atemlähmung.

    • azestoru Says:

      Tobsuchtsanfälle als Lolchvergiftung? Großartig, das werde ich bei Gelegenheit mal einem explodierenden Gegenüber vorwerfen und gucken, was passiert.

      „He, nur ruhig! Gab’s heut in der Mensa Taumellolchpudding, oder was?“

  8. vilmoskörte Says:

    Damit wäre die Etymologie nun auch endgültig geklärt.


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