Das Wort für heute: Krammetsvogel

2. Februar 2010

Der Krammetsvogel, auch: die Wacholderdrossel; zurzeit in aller Munde.

Äußerst hübsches Vögelchen der größeren Art – bringt also nicht nur Knochen in die Pfanne. „Kein Urlaubsort, wo Vogelmord!“ war eine stets mit Entrüstung gesprochene Parole in meiner Schulzeit. Als ich dann sehr viel später tatsächlich bei den Vogelmördern zu Gast war, gab es Singvögel (cacciagione) nur noch geflüstert angeboten, als Bückware. Was nun die Wacholderdrossel angeht, so waren allerdings auch wir es, die transalpinen Vogelfänger, deren Gelüsten sie zum Opfer fiel:

„Die Krammetsvögel werden gerupft, die Haut vom Kopf gezogen, gesengt, der Darm durch die Afteröffnung entfernt. Dann wäscht man die Vögel, sticht die Augen aus, schlägt die Krallen von den Füßen, biegt den Kopf über die Brust und steckt die Füße über Kreuz durch die Augenhöhlen. Die Vögel werden mit Salz und einigen gestoßenen Wacholderbeeren eingerieben. Hierauf macht man Butter in einer Pfanne hellbraun, etwa ½ Eßlöffel für eine Drossel, und bratet die Vögel unter öffteren Umwenden etwa in einer halben Stunde gar. Zur Sauce gießt man etwas Wasser hinzu. Die Vögel werden nicht ausgenommen. Man kann die Krammetsvögel auf gerösteten Semmelnscheiben anrichten und Sauerkohl dazu geben.“

(M. und E. Doenning: Kochbuch der ostpreußischen Haushaltschule, Königsberg 1911, 6. Auflage. Gefunden bei Wikipedia)

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34 Responses to “Das Wort für heute: Krammetsvogel”

  1. vilmoskörte Says:

    Das Kochbuch erscheint immer noch, derzeit ist es in der nunmehr 42. Auflage unter dem Titel „Doennings Kochbuch – Das ostpreußische Familien-Kochbuch“ für knapp 20 € erhältlich (den Link zu amazon und Co. spar ich mir, geht lieber zum nächsten Buchhändler). Ob das Rezept für Krammetsvögel immer noch enthalten ist, wage ich zu bezweifeln.

  2. lakritze Says:

    Das also sind Krammetsvögel! Für mich war das Wort immer ein Synonym für Gebratenes, Gesottenes im Überfluß, den warmen Ofen, den Wein in Strömen und ganz allgemein schlaraffige Zustände. Zumindest meinen Märchenbüchern nach zu urteilen.

  3. ottogang Says:

    Das wäre doch ein Rezept für eine dieser zahlreichen „Kochshows“ die allerorten in der Glotze präsentiert werden.
    Wird aber wohl nicht gesendet werden, wegen Grausamkeit o.ä.

  4. vilmoskörte Says:

    Strauße, Truthähne, Gänse, Hühner, Tauben, Wachteln stehen doch auch auf der Speisekarte …

  5. ottogang Says:

    Ich meinte eher diese og. Zubereitungsform
    „Dann wäscht man die Vögel, sticht die Augen aus, schlägt die Krallen von den Füßen, biegt den Kopf über die Brust und steckt die Füße über Kreuz durch die Augenhöhlen.“

  6. Afra Evenaar Says:

    Da sind sie doch schon tot.

  7. log Says:

    „Krammetsvogel“ ist immer noch ein Eintrag in
    „Herings Lexikon der Küche“ [Fachbuchverlag
    Pfannenberg; mein Exemplar: 23. Auflage, 2001],
    dem wesentlichen deutschsprachigen Küchenlexikon.
    Er wird dort definiert als „grives. Wacholderdrossel.
    Drosselart mit aschgrauem Kopf und kastanienbraunem
    Rücken, deren schmackhaftes Fleisch früher sehr
    geschätzt war. In Deutschland unter Naturschutz.“
    Dem folgt eine Liste von sage und schreibe 15 — in
    Worten fünfzehn! — Zubereitungsarten / Varianten:
    auf alte Art, mit Gänseleber, gefüllt, Hausfrauenart,
    italienische Art, Jägerart, Lütticher Art, mit
    Madeira, in Papierhülle, Piemonteser Art, polnische
    Art, mit Risotto, mit Sauerkraut, mit Wacholder-
    beeren, mit Weinbeeren.

    Und selbstverständlich hat der Vogel einen Eintrag
    im „Larousse gastronomique“, Stichwort grive, zwei
    Spalten lang, sechs Rezepte.

    Escoffier gibt in seinem „guide culinaire“ zwölf
    Rezepte.

    soviel eben zu toten Vögeln und was man daraus
    machen kann…

  8. hotzenplotz Says:

    Escoffier und Hering sind allerdings auch schon tot.

    Was den Liebreiz der Drossel und ihren Sommergesang betrifft, hatte ich bislang auch feste Vorsätze, nie einer ein Federchen rupfen zu wollen.

    Nun hab ich, wie sowieso jedes Jahr und weil der Winter diesmal härter als sonst ausfällt noch zwei mehr als sonst, vier Meisenknödel im Garten aufgehängt.
    Die sind in erster Linie für Blau- und Kohlmeisen, gerne aber auch für den Sperling, das Rotkehlchen oder den Buchfinken gedacht.

    Für die schweren Brocken kaufe ich Fettfutter mit Rosinen und Erdnüssen und streue es auf eine Bank, wo sich Amseln und Drosseln bedienen dürfen.
    Was sie auch tun, ich kaufe jede Woche ein Pfund Nachschub im Zoogeschäft.

    Nun höre ich jeden Morgen schon vor dem Aufstehen das Gezeter eines Drosselpaares, die sämtliche kleinen Flügelflitzer von den Knödeln wegmobben.
    Die beiden verbringen tatsächlich den lieben, langen Tag damit, auf meinem Dach oder in den Bäumen zu sitzen und die Meisenknödel vor der Konkurrenz zu beschützen, und das ohne eigene Aussichten auf Erfolg, also aus reinster Missgunst. Was sagt man dazu?

    Keine Ahnung, ob es sich bei meinen Dachbewohnern um Wacholder- oder um sonstige Drosseln handelt, aber einen schlechten Charakter haben sie in jedem Fall und da fiele es mir schon erheblich leichter, sie, da ich sie ja ohnehin schon mit Futter gezähmt und unvorsichtig gemacht habe, in einem Sack zu fangen und gebraten mit Speck und Polenta dem besten Freunde aufzutischen.

    Noch ringe ich aber mit mir.

    • Afra Evenaar Says:

      Wenn das wirklich Wacholderdrosseln sind, deine Krakeeler, ist das noch nicht einmal mit Mundraub zu entschuldigen. Die vertragen doch gar kein Fettfutter mit Körnern drin, sondern nur Regenwürmer mit süßer Beilage: Äpfel, (Wacholder-)beeren, Weintrauben …

      Um deinen Entscheidungsprozess zu befördern: bei Karu findest du ein Tatortvideo und bei vilmoskröte Fahndungsfotos.

  9. log Says:

    Habe ich doch glatt noch Alexandre Dumas vergessen.
    Ja, der Verfasser des Grafen von Monte-Christo und
    der Musketiere hat auch ein wunderschönes „Grand
    Dictionaire de cuisine“ geschrieben. Nur der Statistik
    halber sei erwähnt, daß er sieben Rezepte aufführt.

    Noch so’n Toter. Aber: Die Bücher gibt’s immer noch,
    und sie werden neu herausgegeben und gedruckt. Es
    muß also doch etwas daran sein — richtige Bücher
    sind eben langlebige Werte.

    • hotzenplotz Says:

      Dann darf aber auch ein Liebling von mir, dessen Lieblingsspeise kleine Vögelchen waren, nicht fehlen: Brillat-Savarin, lebte um die Zeit der französischen Revolution und beschreibt eindrucksvoll in seiner „Physiologie des Geschmacks“, wie er mit seinem Freund vom weiteren Austernessen absah, als der Bedienstete nach dem Öffnen der ersten zwölf Dutzend (für zwei) ihnen zu langsam erschien. Sie nahmen dann den nächsten Gang von ungefähr zwanzig, darunter mehrere mit Federvieh.

      Gerade diesen Satz von ihm gefunden:

      „Ein echter Feinschmecker, der ein Rebhuhn verspeist hat, kann sagen, auf welchem Bein es zu schlafen pflegte.“

      Nachdem du ihn erwähnt hast, musste ich in meinem Escoffier blättern. Da werden Ortolane gerupft und zu Pasteten oder in Aspik verarbeitet, Lerchen nach Art der Mutter Marianne zubereitet und auch die taube Sumpfschnepfe kriegt ihr Fett weg, sie wird vor dem Braten mit dem eigenen langen Schnabel zusammengespießt.

      Auf Seite 539 geht es gar dem Roi de cailles, dem Wachtelkönig an den Kragen, er wird mit einer leichten Trüffelgarnitur serviert.
      Das haben sie nach der französischen Revolution wohl mit besonderem Vergnügen gemacht.

    • Afra Evenaar Says:

      Für den Ortolan musste ich erst Google bemühen, und was kommt mir dabei unter? Ein Sternerestaurant gleichen Namens in Los Angeles. Der Chef ist zwar nicht zimperlich, immerhin hat er sich der „schicken französischen Küche“ verschrieben, aber auf Ammern bin ich beim Studium der Speisekarte nicht gestoßen.

    • stroheim Says:

      „Ortolan en caserole“ soll auch die letzte Mahlzeit von Francois Mitterand gewesen sein. Dafür werden Ortolane 14 Tage im Dunkeln gemästet. Die Dunkelheit bringt den Fressrhythmus des Vogels durcheinander. Er hört nicht auf zu fressen und erreicht so das Dreifache seines natürlichen Gewichtes. Dann wird er in Armagnac ertränkt und in Fett gegart. Er wird komplett – nur der Magen wird vorher entfernt – in den Mund genommen und zerkaut. Dabei stülpt sich der Esser eine Serviette über den Kopf. Zum einen soll die Serviette den Duft nah an Mund und Nase halten, zum anderen gilt es als manierlicher, Tischnachbarn nicht mit dem Anblick und den entstehenden Geräuschen zu belästigen.

      Der Journalist Georges-Marc Benamou, dem es gestattet war, bis zum Ableben Mitterands in dessen Nähe zu weilen, schildert in seinem Buch „Le dernier Mitterrand“ das letzte große Mahl des Todkranken. Nachdem dieser bereits mit gesegnetem Appetit 30 Austern, dazu Entenstopfleber, Truthahn und einen Ortolan verspeist hatte, machte er sich auch noch über den letzten übrig gebliebenen Vogel her.

      Von den letzten Mahlzeiten von Prominenten handelt übrigens das Buch „Das letzte Gericht“ von Jörg Thadeusz.

    • Afra Evenaar Says:

      Dazu fällt mir auch nichts anderes ein als: Serviette über den Kopf!

    • Afra Evenaar Says:

      Besagter Herr Dumas zitiert in seinem Dictionnaire eine französische Redensart: „Gibt es keine Drosseln, muss man eben Amseln essen.“

    • hotzenplotz Says:

      … oder Kuchen?

    • Afra Evenaar Says:

      Dann doch lieber den Wachtelkönig.

  10. philipp1112 Says:

    Man kann natürlich die netten Vögel verschonen und statt dessen nach „Marie Abel’s Neues illustriertes bewährtes Kochbuch für den guten bürgerlichen und feineren Tisch….“ (2.Auflage 1888) „Aechte Schildkrötsuppe“ zubereiten:
    „Eine lebende Schildkröte wird auf den Rücken gelegt, in die Mitte des bauchschildes legt man eine Sekunde lang eine glühende Kohle, worauf dieselbe sogleich den Kopf heraqusstrecken wird, welchen man mit der linken Hand ergreift, fest niederdrückt und mit einem starken Messer auf einen Schnitt abschneidet.“
    Dazu sage ich: Vorsicht, nicht die Finger an der glühenden Kohle verbrennen.

    • Afra Evenaar Says:

      Nun wird es aber endgültig makaber. Da wäre es mir dann doch lieber, wenn ich sicher sein könnte, dass Fischstäbchen in der Kühltruhe wachsen.

    • hotzenplotz Says:

      Bei Schildkröten hört der Spaß auf.
      Morden wir lieber ein paar Fischstäbe.

      Ach übrigens, gerade hab ich mich erschrocken, wie spät es schon ist. Hast du schon auf Sommerzeit gestellt oder hat Berlin neuerdings eine östlichere Zeitzone?

    • Afra Evenaar Says:

      Östlicher als London? Ja.

  11. kormoranflug Says:

    Finde ich schon interessant, dass ausgerechnet die Menschen, die keinem Tier was zuleide tun können, sich an so grausigen Vogelrezepten ergötzen können.
    Also haben doch alle eine heimtückische Mörderseele in Ihrer Brust.

    • Afra Evenaar Says:

      Nimm dich gut in Acht, du hast doch auch ein Federkleid.
      Eine Mörderseele (heimtückisch eher nicht)

      PS: Leider muss jeder Mensch, der Tiere verzehrt, sich damit abfinden, dass ihnen was zuleide getan wird. Besser, man ist sich dessen bewusst.

  12. ottogang Says:

    Interessant ist auf alle Fälle, welche seltsamen Gelüste in uns lauern, die hier dann mit Macht in die Freiheit drängen.

  13. karu02 Says:

    So gerne, wie sie Äpfel fressen (und bis aufs Blut verteidigen), muss man sie nicht mehr damit füllen.

  14. Afra Evenaar Says:

    Hab eben was entdeckt. Krammetsvögel sind nicht zwangsläufig Wacholderdrosseln, sondern können laut Brockhaus von 1838 auch sein: die Misteldrossel, der Ziemer, die Sing-, Sommer-, Weiß- oder Ziepdrossel und die Berg-, Koth-, Wein- oder Winterdrossel. Eigentlich sogar alle Vögel, die man in Vorrichtungen namens Dohnen fängt. Hier ist so eine abgebildet, inklusive Bauanleitung:


  15. […] Splatter hat eine unbestrittene Großmeisterin: Afra Evenaar. Sie weiß, wie man Mäusen und Krammetsvögeln an den Kragen geht und erinnert an verdrängt geglaubte Mordlust, wie sonst niemand es kann. Ich […]


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