Der Dingpfleger.

Dingpfleger kann man bisher ausschließlich bei meinem Lieblingsmuseum werden. Es ist gewissermaßen ein Heim für Dinge, das allerdings auf Zwangseinweisung beruht. Welches Ding würde sich schon freiwillig seines Funktionszusammenhangs begeben, um seinen Lebensabend untätig und von allen Seiten begafft im Museum zu verbringen?

Am liebsten würde ich eine Pflegschaft für eine der beiden Zigarettendosen übernehmen: „Manoli privat“ oder das „Problem National“. Die eine ist aber schon vergeben, die andere reserviert, sehr wahrscheinlich von Exrauchern wie mir, schließlich bedarf die Verarbeitung bestimmter Verluste eines ausgeprägten sentimenalen Engagements. Auch der Bakelit-Schalter hat seinen Dingpfleger bereits gefunden und der oft gehandhabte Berliner Steckschlüssel. Meine erste Schreibmaschine, die rote Valentine von Olivetti, ist ebenfalls in guten Händen – nicht meine Valentine, die ruht seit Jahrzehnten auf dem Hängeboden, aber die aus dem Museum der Dinge.

Manche Dingpfleger beneide ich nicht um ihre Schützlinge, wer möchte schon die Verantwortung für einen Nachttopf übernehmen, der einmal ein Stahlhelm war. Wer weiß, wozu der fähig ist, wenn er sich eines Tages auf seine Wurzeln besinnt. Dann schon lieber das Mitropakännchen aus den Transitzügen meiner Fahrten zwischen der selbständigen politischen Einheit Westberlin und dem Freistaat Bayern.

Oder der Handschuhbügel. Nein, nicht der Handschuhbügel, den finde ich nur skurril, und das scheint mir eine schlechte Voraussetzung für ein gutes Verhältnis zwischen Pfleger und Ding. Die Illy-Kaffeedose wird es wohl auch nicht werden, so eine nehme ich täglich in die Hand, das ist Pflegschaft genug. Natürlich ist schon lange kein Illy-Kaffee mehr drin, der ist viel zu teuer, sondern Mocambo mit c in der Goldaufmachung, wenigstens zur Zeit, mal sehen, was noch so alles hineinkommt im Laufe ihres aktiven Lebens.

Vielleicht sollte ich mich für die Kugelwaschmaschine entscheiden. Ich dürfte sie zwar nicht zu ihrer ureigensten Bestimmung reanimieren, sie könnte aber sicher sein, dass ich sie wie kaum jemand zu schätzen weiß. Mit Waschmaschinenabenteuern bzw. dem Wunsch nach einer eigenen Waschmaschine schlägt mich ein fast lebenslanges wechselvolles Schicksal. Ihr Abgeschnittensein von aller Möglichkeit des Waschens hält sich mit meiner Sehnsucht nach einer eigenen, stets zum Waschen bereiten Maschine (ach was, Maschine, Freundin!, Alltagsfreundin!, aber doch auch Maschine, da hilft nichts, da hilft gar nichts) perfekt die Waage. Wenn ich nun aber andererseits bedenke, dass mich diese Pflegschaft ebensoviel kosten würde wie eine täglich, auch sonntags, handfest zu benutzende aus der Weißwarenabteilung eines Second-Hand-Shops, werde ich schon wieder zögerlich.

Ich werde wohl doch noch eine Weile warten, bis das richtige Ding auf dem Pflegschaftsmarkt auftaucht, das einzige, das wahre, das für mich und nur für mich da ist, das auf mich gewartet hat und ich auf es. Ich weiß, es ist irgendwo. Wir müssen uns nur begegnen.

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